Bern , den 05.08.01

Wie Sie lernen,
andere richtig zu beurteilen
Was verrät das Gesicht eines Menschen über seinen Charakter?- Vokabular und Wortwahl sind aufschlussreich: Wenn jemand regelmässig "Fronten begradigt", "Schlachten gewinnt" oder einen "Gegenstoss vorbereitet", enthüllt er einiges
- über seinen Denkstil. Auch sexuelle Anspielungen oder häufige Kraftausdrücke sind interpretierbar, wenn sie zum Repertoire gehören. Vorsicht ist angebracht, wenn jemand ständig beteuert "Ich meine das ganz ehrlich" oder "Um die Wahrheit zu sagen...". Der Betreffende muss nicht unehrlich sein, aber im Kontext mit anderen Zeichen ist diese Marotte ein Indiz.
Die Abwehr von Kritik und Angriff ist normal und verständlich. Aber es gibt Techniken, die auf die völlige Verweigerung der Diskussion hinauslaufen: Rückzug und beleidigtes Schweigen, heftiger Gegenangriff, das "Entwaffnen" des Kritikers mit Schmeichelei. Verräterisch sind Gegenangriffe, die stattfinden, bevor eine Kritik geäussert wurde, ebenso Pseudoselbstkritik:
"Ich bin für euch ja nur das Mädchen für alles."
Prahler und Grosssprecher kommen in allen Schattierungen vor. Bei einigen ist die Wichtigtuerei leicht zu durchschauen, bei anderen geschieht sie durch name dropping und geschicktes Einflechten eigener Leistungen und Vorzüge. In jedem Falle weist die Angeberei auf Unsicherheit und mangelndes Selbstwertgefühl hin.
Tratsch und üble Nachrede sind das Medium der Unsicheren, Neidischen, Tückischen. Tratsch ist fast immer bösartig, selbst wenn er scheinbar neutral beginnt. Der Tratschende will sich mit seinem "Wissen" wichtiger machen, als er in der Realität ist, und er verwendet seine Informationen als Tauschware. Deshalb äusserste Vorsicht: Es ist die Regel, dass Tratschhändler alle Reaktionen und
Kommentare ihrer Zuhörer weiterverwenden und sie so zu Komplizen machen. Und sie werden über jeden schlecht sprechen wenn sie Gelegenheit dazu erhalten.
Wenn jemand unaufgefordert und scheinbar unmotiviert Intimes preisgibt, will er seinen Gesprächspartner wahrscheinlich testen: Wie reagiert er auf die überraschende Eröffnung? Wie geht er mit sensiblen und intimen Themen um? Eine zweite Absicht könnte sein, von ganz anderen Punkten abzulenken
- er bietet ein heikles Thema "offen" an, um das andere,
vielleicht noch heiklere aussparen zu können.
Das Entschlüsseln verbaler und stimmlicher Signale und die Auswertung des "ersten Eindrucks" liesse uns manchmal immer noch im Unklaren über den Charakter eines Menschen, wenn es nicht eine weitere Informationsquelle gäbe:
Das beobachtbare Verhalten spricht oft lauter als Worte (und widerspricht ihnen nicht selten), Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Egoismus, Selbstvertrauen, Arroganz und eine Vielzahl weiterer Charaktereigenschaften offenbaren sich mitunter nur im sozialen Verhalten: Wie geht jemand mit anderen Menschen um? Wie ge- oder missbraucht ein Vorgesetzter seine Macht im Umgang mit Mitarbeitern? Wie verhält sich jemand zu Kindern? Behandelt ein ansonsten freundlicher und beflissener Kollege den Pförtner und die Putzfrau mit Herablassung oder Unfreundlichkeit?
- Eine Grundregel der Menschenbeobachtung lautet: Verkörpert jemand wirklich positive Eigenschaften wie etwa Freundlichkeit, Rücksicht, Fürsorge und Selbstvertrauen, dann zeigt er diese Eigenschaften ohne grosse Schwankungen und Abweichungen in nahezu allen Situationen - und vor allem auch gegenüber Menschen, denen er nicht unter dem Nützlichkeitsaspekt begegnet.
Eine Fülle von Informationen liefert die Beobachtung in unterschiedlichen sozialen Kontexten: Wie bewegt sich jemand in einer Gruppe oder Gesellschaft: Schwingt er sich schnell zum Wortführer auf, macht er den Clown oder die Stimmungskanone, oder hält er sich zurück und beobachtet, fühlt er sich sogar unwohl und unsicher?
Wie verhält sich jemand unter Druck? Bringt ihn Stress so aus der Fassung, dass er "ausser sich" gerät? Welche Schuldzuweisungen,
welche Ausreden werden benutzt (oder nicht benutzt)?
Auch hier sind Konsistenz und Kontinuität der Schlüssel zum "wahren Ich": Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten, zwischen dem Image, dan man pflegt, und den gelebten Werten gibt mehr Auskunft, als dem Beobachteten meist bewusst ist.
Menschenkenntnis ist die unvoreingenommene Suche nach Zeichen und Mustern im Auftreten, im Sprechen und Verhalten anderer Menschen. Wir können uns das (Zusammen-) Leben leichter machen, wenn wir uns darin üben, diese Zeichen mit wachen Sinnen zu "lesen"
- und erst dann zu deuten.
Wir blicken in das Gesicht
eines Menschen,
um etwasüber ihn zu erfahren:
Nicht nur Stimmungen und Gefühle versuchen wir darin abzulesen,
sondern auchCharaktereigenschaften.
Aber Vorsicht!
Häufig verleiten uns Denkfehler zu falschen Urteilen
Oft bilden Menschen gerade solche Eigenschaften aus, die konträr zum
Eindruck ihres Gesichts sind. Jungen mit Kindchengesicht kompensieren ihr Äusseres
häufig mit besonders energischem und feindseligem Verhalten. Menschen mit einem
"ehrlichen" Gesicht neigen eher zu Unaufrichtigkeit, weil sie es sich
"leisten" können. Durch Kosmetik, Frisur und Mimik versuchen wir mitunter auch,
bestimmte Charakterzüge zu kaschieren: Ein Bart verleiht mehr Autorität,
eine Brille suggeriert Intelligenz, häufiges Lachen wirkt sympathisch.
So können wir vermeiden, vom Gesicht eines Menschen falsche Schlussfolgerungen
über seinen Charakter zu ziehen:
1. Machen Sie sich klar, dass Merkmale wie Attraktivität und Kindchenschema Ihre Einschätzung unterschwellig beeinflussen.
2. Stellen Sie sich vor, Ihr Urteil über einen Menschen vor anderen rechtfertigen und objektive Gründe nennen zu müssen.
3. Bleiben Sie für spätere Informationen offen, um den Einfluss des ersten Eindrucks zu vermindern.
4. Wenn Sie glauben, zu einem Urteil gekommen zu sein, so stellen Sie eine Gegenhypothese auf und überprüfen Sie auch diese: Ist die Person tatsächlich selbstbewusst, oder überspielt sie damit nur ihre Unsicherheit?
5. Wenn man sich vornimmt, mit einer noch unbekannten Person gut auszukommen, so vermeidet man in der Regel übereilte Schlussfolgerungen aufgrund von Äusserlichkeiten.
6. Der Zeitpunkt, wann Sie eine Information über jemanden erhalten, ist oft von Bedeutung: Legen Sie ein Bewerbungsfoto zunächst beiseite, und überprüfen Sie die Qualifikationen des Bewerbers erst einmal "live".
7. Wenn Sie von sich selbst wissen, dass Sie auf Ihre eigene Wirkung auf andere sehr viel Wert legen, so sollten Sie Ihr Urteil besonders gut überprüfen. Sie neigen wahrscheinlich dazu, Menschen zu sehr aufgrund ihres Gesichts zu beurteilen.
8. Setzen Sie sich bewusst mit Menschen auseinander, die aufgrund ihres Gesichts oft auf Ablehnung stossen.