life-Institut

Träume lernen zu verstehen

Die Weisheit der Träume

Anfang der 50er Jahre veränderten Forschungsergebnisse an der Harvard Universität die Traumdeutung auf spektakuläre Weise. Im Gegensatz zur Lehre Sigmund Freuds, wurden plötzlich Träume nicht mehr als Tiefenbotschaften des Unterbewusstseins, sondern als
neurophysiologisches Elektrogewitter während dem nächtlichen
*REM-Traum (siehe Anhang 3*)  bezeichnet.
Die daraus abgeleitete Essenz versuchte zu beweisen, dass der Traum in keiner Weise eine psychische Bedeutung habe, sondern vom Grosshirn eine Reinigung und Instandhaltung der zelebralen Leitungen, durch löschen von Informationsmüll, bedeute.

Doch, neueste Forschungsergebnisse am Frankfurter Sigmund Freud Institut in Zusammenarbeit mit britischen Hirnforschern, kommen auf die Lehre Freud‘s zurück. Diesem blinden "Physikalismus" ist nun endgültig der Boden entzogen worden. Diese bahnbrechenden Traum- und Neuro- Forschungen zeigen, dass beim Traumprozess mehrere Gehirnbereiche zusammenwirken. Menschen träumen auch ohne jedes Hirnareal, Träume beruhen auf höheren psychischen Prozessen als symbolischer Faktor und Traumgenerator.

Die Wissenschaft kann Träume nicht länger als irrlichterndes,
zufälliges Flackern von Nervenimpulsen definieren.
Wie die Forschung der letzten Jahre zeigt,
erfüllen Träume wichtige Lebensaufgaben.
Sie stabilisieren unsere Identität, regulieren unsere Stimmung
und helfen uns, Probleme zu lösen, Stress zu verarbeiten
und Sinn zu finden.

Kurz: Sie sind "multifunktionale" Lebenshilfe.

So werden physiologische Faktoren nur noch herangezogen, um formale Unterschiede zwischen Träumen und Wachen (wie ungewöhnliche Bewegungsabläufe im Traum) zu verstehen. Der eigentliche Trauminhalt selbst wird aber als psychologisch bedeutsam und personspezifisch begriffen: "Der Traum ist ein multifunktionales Lebensphänomen", ergaben experimentelle Traumforschungen, als gemeinsamen Nenner in der neuen Traumpsychologie.

Die verbreitete Sichtweise, den Traum als abstruse oder zufällige Randerscheinung abzutun, wird nun selbst suspekt: Die neueste Forschung beweist, dass wir unser Dasein im Träumen und Wachen strukturell ähnlich erleben. Studien des Stanford-Psychologen Philip Zimbardo zeigen, wie sehr sich Fühlen, Denken und Wissen im Träumen und Wachen ähneln: Das Traumbewusstsein ist wie das Tagesbewusstsein hochkomplex und voller "Metakognitionen" - reflexive Selbstkritik oder Wahlentscheidungen kommen im Traum sogar häufiger vor. "Träume von Erwachsenen", bilanziert Traumforscher Michael Schredl vom Schlaflabor des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, "haben eine hohe Ich-Beteiligung, deutlichen Realitätsbezug, ausgewogene Gefühle und sind durch vorwiegend visuelle und auditive Eindrücke gekennzeichnet."

Viele Forscher verstehen das Traumbewusstsein als eigene Form des Denkens und Wissens, das nicht auf rein logische oder sprachliche Kategorien reduziert werden kann. Im Gegenteil ist es für das komplexe Denken und Fühlen in traumhaften Bildern charakteristisch, vieler Idiome und Sprachen mächtig zu sein - und ebenso einfache wie grossartige "Erzählungen" zu schaffen. Der Traum könne sich ganz "wie ein klassisches Drama" mit einer Einleitung, einer Steigerung der Handlung und einer Lösung folgerichtig entwickeln. Er könne aber auch "wie ein modernes Theaterstück" assoziativ aufgebaut und durch Unbestimmtheit von Ort, Zeit und Personen der Handlung sowie wechselnde Perspektiven gekennzeichnet sein. Unsere Traumwelt ist wie ein "zweites Leben", in dem wir uns verbindlich auf neue Erlebnisse einlassen, oder spielerisch mit unserem Dasein umgehen. Jede Traumdeutung soll daher das Wachbewusstsein anregen und zu einer höheren Einsicht führen. "Wie bei einem Gemälde", sollte man die "Gesamtstimmung" des Traumes wirken lassen.Die Forschung belegt, dass der Traum auch im Alltagsleben eine therapeutische Funktion erfüllt und uns guttut. So zeigten Frauen, die nach einer belastenden Scheidung an einer achtwöchigen "Traumbehandlung" teilnahmen, ein im Vergleich deutlich gebessertes Selbstwertgefühl. Wie bedeutsam Träumen für unser Seelenleben ist, dokumentieren Untersuchungen, nach denen Menschen verstärkt träumen, wenn sie intellektuell stark beansprucht werden oder emotional belastende Lebensereignisse verarbeiten müssen. Befunde des amerikanischen Traumforschers Harry Fiss belegen, dass Träume dabei nicht nur stressbewältigend und stimmungsregulierend wirken, sondern uns vor allem helfen, "neue psychische Strukturen zu organisieren".
Als Psychologen hoffen wir, dass sich das neue Verständnis von der "Weisheit der Träume" verstärkt im Alltag oder Beratung auswirken wird. Die praktische Erfahrung mit "Traumgruppen" etwa zeige, dass die Arbeit mit Träumen in allen Beratungen gewinnbringend ist und "zur Weiterentwicklung und Heilung der Ratsuchenden" beiträgt. Den Träumen wird beispielsweise in der Paartherapie und Familienberatung eine neue, grosse Bedeutung eingeräumt: So entstand der Nachweis, welch positives, aber noch weitgehend unerschlossenes psychologisches Potential Träume für Beziehungen haben.
Um den Traum als grosse Lebenshilfe nutzen zu können, fordern Traumpsychologen, Schulkinder mit dem "Traum-Abc" vertraut zu machen: Für ihre spätere Lebenskultur ist dies ebenso wichtig wie Lesen und Schreiben.
Wie hilfreich Träume sein können, signalisiert eine bisher einzigartige englische Studie mit Herzkranken, von denen viele durch Träume vergeblich vor der drohenden Lebensgefahr gewarnt worden waren "Exzellente Aussichten" fürs 21. Jahrhundert prophezeihen Traumkenner, Verhaltensmediziner und Psychologen, wenn sie Träume als "diagnostisches Frühwarnsystem" für Leib und Seele gebrauchen lernen. Die noch vor kurzem belächelte Idee, dass Träume prinzipiell "prophetisch" sein können, gilt nun als wissenschaftlicher Befund:

Die Analyse tausenden von Träumen ergab,
das "Traumbewusstsein"
kann die Zeitachse überblicken".

Der Traum ist ein existentielles Gesamterlebnis"...

Die Dialoge des Traum-Ichs mit dem Wach-Ich

Was weiss die experimentell forschende Traumpsychologie vom Stoff, aus dem unsere Träume sind?
Träume sind Erlebnisse. Trotz aller merkwürdigen Eigenschaften sind unsere Träume - solange wir träumen - für uns ebenso wirklich wie alle Erlebnisse unseres wachen Lebens. Der Traum ist ein Phänomen, das auf kognitiven Aktivitäten des Gehirns während des Schlafens beruht. Da das Gehirn aber nie schläft - und der Geist Tag und Nacht arbeitet -, sind unsere Träume genauso sinnlich, emotional, imaginär wie im wachen Leben. Traum- und Wacherleben als kontinuierliche Bewusstseinsformen zu verstehen ist zwar keine ganz neue Sichtweise. Dass sie sich in der experimentellen Traumforschung aber in den letzten Jahren so umfassend bestätigt hat, kann man sicherlich nicht hoch genug bewerten und muss es als Durchbruch begreifen.

So hat die empirische Traumforschung in den letzten Jahren ein sehr klares Bild davon gewonnen, dass die Trauminhalte bedeutend wirklichkeitsnäher sind oder das Traum-Ich mit dem Wach-Ich ein intimeres Verhältnis hat, als bisher angenommen: Sie sind identisch. Die meisten Menschen sehen nachts daher auch keinen "Traum-Film" als Zuschauer, wie viele glauben - sondern sie erleben das Traumgeschehen als genauso wirklich wie das Leben im Wachen. Der Film sind sie selbst. Im Traum gibt es kein "als ob", da der Traum gegenwärtiges, reales Erleben ist. Die Befunde bestätigen dies: Träumende Menschen erleben sich in aller Regel so wie im Wachleben. In den vielen Parallelen des Traum- und Wachbewusstseins geht es meist darum, was ein Leben lang ohnehin im Mittelpunkt steht: zu lernen. Träume dienen wie das Denken dazu, Probleme oder Stress zu erkennen, zu verarbeiten und Sinn zu finden.
Jeder Mensch sollte die "Sprache der Träume" lernen, weil sie die einzige universelle Menschheitssprache ist. Doch Zurückhaltung ist hier angebracht. Sicher träumen alle Menschen auf dieser Welt, und selbstverständlich sind Träume - oder die "Traumsprache" - symbolisch. Aber genauso wie unsere Wachsprache im Alltag voller Bilder und Metaphern ist, frage ich mich auch nicht, in welch tiefem Masse nun ein Ausdruck wie "sich wie ein Schluck Wasser fühlen" oder "am Ende sein" metaphorisch, bildlich oder symbolisch für mich und mein Leben steht, wenn ich begriffen habe, dass ich einfach müde und erschöpft bin. Mit dem Träumen verhält es sich ähnlich, das muss man nicht künstlich überhöhen - und jedem Traumsymbol eine kosmologische Bedeutung oder eine ödipale Wunscherfüllung zuordnen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich schliesse weder die Jungschen noch die Freudschen Deutungen aus, da sich viel damit machen lässt - aber als alleiniger Traumschlüssel taugen sie nicht. Der Traum bleibt auch so ein existentielles Gesamterlebnis.

Daher sollte man auch mit irgendwelchen "Symbollexika" sehr vorsichtig sein.
Meist ist das reiner Unsinn,
da Traumsymbole immer individuell verstanden werden müssen –

und da kann das geträumte Auto genau so gut für das eigene Leben stehen, wie es eine Gefahr, einen Schutzraum oder vieles mehr bedeuten kann. Feststehende Deutungsraster werden dieser Vielfalt nie gerecht.

Welches Fazit zieht nun die moderne Traumforschung ein Jahrhundert nach der epochalen "Traumdeutung" Sigmund Freuds?Es gibt heute drei grosse Strömungen: Neben der psychoanalytischen oder "tiefenpsychologischen" Schule und der physiologischen, "biologischen" Forschung ist in den letzten Jahren die psychologische Traumforschung immer wichtiger geworden. Das wird wohl so bleiben, da die Schwierigkeiten der beiden anderen Schulen nicht geringer werden. So ist bei der Psychoanalyse unklar, ob sie über Fallstudien hinausgehende, verallgemeinbare Forschung betreiben kann - unabhängig von ihrer klinischen, therapeutischen Praxis. Und die "Traumbiologie" - die mit der Entdeckung des REM-Schlafes 1953 einen jahrzehntelangen Boom erlebte - muss nun auch erkennnen, dass das mit der Traumfunktion nicht so einfach ist, wie sich das viele dachten. Den Traum auf dem REM-Schlaf oder rein physiologische Prozesse zu reduzieren und davon auszugehen, Träumen habe keinerlei oder nur sehr zufällige psychische Funktionen, wird seinem Wesen nun doch nicht ganz gerecht. Von besonderer Bedeutung ist die Einsicht, dass Traum- und Wachbewusstsein strukturell gleich sind. Dabei spielt die Annahme keine Rolle mehr, der Traum wäre ein unbewusster, "dunkler", nur schwer zu fassender oder begreifender Gegenspieler des "hellen" Bewusstseins.

Der Traum ist ein Erlebnis wie andere auch - und genauso, wie man versucht, aus Wacherlebnissen zu lernen, kann man auch aus Träumen klüger werden. Man sollte die Intelligenz des Traum- und des Wachbewusstseins aber als gleichwertig auffassen, da das "normale" Alltagsdenken ebensolche Einsichten ermöglicht wie das Traumbewusstsein.
Was ist mit Telepathie und anderen "übersinnlichen" Traumzuständen, die offensichtlich nicht als faulen Zauber abzutun sind? Sind das nicht Phänomene des nur im Traum offenbarten "Unbewussten"?
Ich sage nicht, dass es telepathische oder hellseherische oder archetypische Träume nicht gibt - ich würde dabei auch "magische Erkenntnis" oder gar Heilung nicht ausschliessen und akzeptieren, dass sich in allen Naturvölkern erfahrene Schamanen und Medizinmänner intensiv mit Träumen beschäftigt haben. Aber daraus kann man keine missionarische Sendung für den modernen Zeitgenossen stricken - wie dies einige Ethnologen etwa mit den Anfang der 80er Jahre berühmt gewordenen "Studien" über die besondere Traumkultur der malaysischen Senoi versucht haben. Die vermeintlichen Befunde sind letztlich frei erfunden. Das ist fauler Zauber - die mitunter traumhaften Fähigkeiten der Schamanen bleiben dennoch wirklich. So sprechen die Befunde, dass entwicklungsgeschichtlich neue und "harte" kognitive Elemente wie Lesen, Schreiben oder Am-PC-Sitzen vergleichsweise sehr selten im Traum vorkommen, dafür, dass Träume näher am "irrationalen" Teil der Psyche sind. Aber dies kommt auch im wachen Bewusstsein vor: etwa im kreativen, imaginativ-"schöpferischen" Denken oder der Inspiration.

Das Problem mit dem Unbewussten ist nicht, ob es das gibt oder nicht, sondern inwieweit man an die Theorien glaubt, wie es "eigentlich" funktioniert - und da sollte man äusserst vorsichtig sein. Wenn jungianische Psychotherapeuten mit ihren Klienten auf der Basis bestimmter Traumdeutungen und der Annahme eines "kollektiven Unbewussten" oder freudsche Analytiker mit ödipalen Interpretationen vorankommen, ist dies natürlich in Ordnung. Nur sollte man im Auge behalten, dass dies nicht für alle Träume und Träumer auf der Welt gelten kann.
Im übrigen ist das "kognitive Unbewusste" immer da - und für die experimentelle Psychologie längst eine wichtige Grösse geworden: Man weiss, dass im Schlafen wie im Wachen immer sehr viel mehr in meinem Gehirn abläuft, als ich träume oder wahrnehme und wach reflektiere. Und sicher ist unser Informationsapparat klüger und weiser, als man dachte: Der Quellen sind viele, und man sollte als Psychologe und Traumforscher vorsichtig sein, sich da zu sehr abzuschotten. Die Konstruktion des "Unbewussten" ist aber für das wissenschaftliche Traumverständnis letztlich unnötig.
Die Forschung kennt sieben Quellen, die mehr oder weniger stark die Trauminhalte beeinflussen: Neben den erwähnten telepathischen, "hellseherischen" und archetypischen Bildern handelt es sich um äussere Reize, Erinnerungen, Aspekte der Persönlichkeit, die Lebenssituation und Tageseindrücke. Die Tageseindrücke spielen mit persönlichkeitspsychologischen Faktoren wie Geschlecht, Kreativität oder Intelligenz und der Lebenssituation die grösste Rolle - zusammen etwa 80 Prozent.

Dagegen sind äussere Reize wie der tickende Wecker sehr viel unbedeutender, als man annahm. Telepathie- und Zukunftsträume kommen extrem selten vor und sind sehr personenabhängig - wer solche Träume allerdings hat, ist davon schwer beeindruckt und überzeugt.
Was bringt das Träumen dem Menschen - muss man sich an seine Träume erinnern, um gesund zu bleiben oder erfüllt zu leben?
Man muss zwischen der biologischen und psychischen Funktion stark unterscheiden. So ist der REM-Schlaf mit seiner zerebralen Aktivität biologisch sicher notwendig und nützlich. Die Frage allerdings, wie sinnvoll und wichtig es ist, sich an das nächtliche Geschehen zu erinnern, bleibt auch wissenschaftlich eine gewisse Geschmackssache. So spricht zwar vieles dafür, dass der erinnerte Traum und die jeweilige "Traumarbeit" sich für den Träumer positiv auswirken. Der Umkehrschluss allerdings - wer sich nicht oder kaum an seine Träume erinnert, ist irgendwie ungesünder, unwissender oder gar unglücklicher als diejenigen, die sich jeden Morgen an ihre traumhaften Abenteuer erinnern - ist sicher unhaltbar. Es gibt nicht wenige Menschen, die sich nie an ihre Träume erinnern oder meinen, seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr geträumt zu haben. Und diese Menschen sind psychisch absolut nicht ungesund. Allerdings träumen sie Nacht für Nacht.
So betrachtet hätten Traumerinnerungen eine "belohnende" Extrafunktion: Man muss sich nicht an sie erinnern, um leben oder überleben zu können. Wer sein Traumleben aber kennt, wird dadurch sicher bereichert: Er fühlt, weiss und lernt gewissermassen etwas mehr über sich und seine Welt. Und genau darum geht es auch in der integrativen Praxis der "Traumarbeit", bei der vor allem der Schritt vom Traum- zum Wacherleben vollzogen werden soll.
Das subjektive Erleben wird durch den Traum häufig bewusster, durchschaubarer und verständlicher gemacht: Es kommt zu klassischen Aha-Erlebnissen - die gerade in Krisenzeiten oder anderen problematischen Situationen sehr förderlich sein können.

Ansonsten bleibt der Umgang mit den Träumen eine persönliche Angelegenheit, und ich würde niemanden drängen oder gar "bekehren" wollen, sich damit zu beschäftigen, der keine Lust dazu verspürt. Man kann natürlich über die Träume aufklären, aber meist machen die Träume selbst irgendwann neugierig. Sicher ist, dass sich auch notorische Nichterinnerer schnell daran gewöhnen, ihre Träume zu erinnern, wenn sie dies wirklich wollen.
Inwieweit beeinflusst die Persönlichkeit die Träume? Träumen etwa Männer anders als Frauen?
Männer träumen zwar mehr von anderen Männern als von Frauen, Aggression, Wettbewerb oder Sexualität, während Frauenträume mehr von Beziehungen oder depressiveren Stimmungen geprägt sind. Neue Befunde zeigen aber, dass dies nicht biologisch fundiert ist, sondern als Ausdruck der jeweiligen Lebenswelten verstanden werden muss: Es existieren keine Geschlechtsunterschiede des Traumes - sondern nur des Wachens, die sich im Traum widerspiegeln.
Insgesamt erklären die untersuchten Persönlichkeitsaspekte etwa zehn Prozent des Traumgeschehens - da ist wohl auch zukünftig nicht mehr zu erwarten.

Vielversprechend erscheint dagegen die "Boundary-Forschung" über Menschen mit sogenannten "dünnen" und "dicken" Grenzen. Demnach spiegelt sich der Lebensstil derjenigen, die sich in ihren Beziehungen nicht so gut abgrenzen können, in konfliktreicher Nähe leben und auch sonst sehr sensibel und ängstlich sind, deutlich im Traum wider: "Dünnhäutige" sind beispielsweise besonders anfällig für Alpträume.
Ein ähnlich interessantes Phänomen sind sogenannte luzide oder Klarträume. Das sind Träume, in denen die Menschen während des Träumens wissen, dass sie träumen und die Traumhandlung gleichsam willentlich beeinflussen können: über Hindernisse fliegen oder ähnliches. Wenn Menschen etwa von Sex klarträumen, dann passiert auch körperlich einiges - Frauen erleben nachweislich Orgasmen.

Welche Grenzen und Visionen gibt es für die zukünftige Traumforschung?

Für die nächsten Jahre erwarte man vor allem, dass eine intensivierte Traumforschung der Bewusstseinsforschung viele Impulse liefern und eine integrierte, multidimensionale Traumtheorie formuliert werden kann. Ich hoffe dabei, dass sich mehr Menschen als bisher mit ihren Träumen beschäftigen.
Die Traumforschung steht natürlich auch in Zukunft vor einer extrem hohen Hürde, die sie wohl niemals überwinden kann: den Traum unmittelbar und direkt zu erforschen. Ich halte alle Spekulationen, irgendwann - etwa mit Hilfe des spektakulären High-Tech-Arsenals der sogenannten bildgebenden Verfahren aus der Hirnforschung - den Trauminhalt abzubilden, für unrealistisch.
Die Tatsache, dass der Traum selbst direkt unzugänglich bleibt, ist nun allerdings nicht traumspezifisch, sondern war für die gesamte Bewusstseinsforschung schon immer ein Problem, da sie auf die Introspektion angewiesen ist. Man kann sich ja aber einiges einfallen lassen, wie zum Beispiel differenzierte Computersimulationen von Traumprozessen oder eine umfassende Typologie des Traumes in Form von Traumdateien aufzubauen - über alle Länder-, Kultur-, Alters- oder Geschlechtszugehörigkeiten hinweg. Dies könnte elementar dazu beitragen, eventuelle Sinnzusammenhänge sehr viel besser zu erkennen und zu verstehen: Wann kommt es zu welchen Aggregationen ähnlicher Elemente, in welchen Mustern tauchen sie in Traum- und Wachzusammenhängen auf, was kann man daraus praktisch für die medizinische oder therapeutische Behandlung und Prävention nutzen und so weiter. Die ganze Traumlandschaft erscheint wissenschaftlich als ein erst in Umrissen entdeckter Kontinent, der mit vereinten Kräften weiter erkundet und erschlossen werden kann. So liegt allein der Zusammenhang zwischen Träumen und Schlafstörungen zwar nahe, ist aber noch zu wenig erforscht worden.
Warum haben so viele Menschen zu ihren Träumen ein schwieriges Verhältnis oder lehnen ihn als Humbug ganz ab?
Das grundlegende Problem besteht darin, dass Vorurteile, Unterstellungen oder Halbwissen verhindern, ein angemessenes Verständnis für die Welt der Träume zu entwickeln.
Dafür ist sicher eine falsch verstandene westliche Rationalität verantwortlich, die alles, was wie das Traumerleben nicht streng logisch erscheint, abgetan oder ausgeblendet hat - Träume sind Schäume. Die Kehrseite dieser Ratiolastigkeit zeigt sich darin, dass viele den Träumen eine etwas zu geheimnisvolle, mitunter auch gefährliche "dunkle Macht" unterstellen, die nur von einem erfahrenen Traumexperten - wie dem Psychoanalytiker - gedeutet und gebändigt werden kann. Diese Einstellung kann im übrigen genauso problematisch sein, wie wenn manche Menschen dazu neigen, aus ihren Träumen vorschnell und unkritisch irgendwelche "Botschaften" zu ziehen und sich danach zu richten.
Was ist daran problematisch? – Man spricht ja nachdrücklich von positiven "Handlungsanweisungen und Lösungsvorschlägen" durch den Traum für den Träumer.
Aber das gilt erst dann, wenn man den Traum und die Traumerinnerungen in sein Wachbewusstsein integriert hat: Erst dann kommt die "Lösung" oder die "Botschaft" zutage - und nicht vorher. Und wenn ich nicht verstehe, was ich da im Traum gemacht habe, sollte ich es auch im Wachleben nicht machen. Der Traum gibt seine Bedeutung eben nie von aussen vor, sondern es bleibt gewissermassen alles in der Familie: Es ist niemand ausser mir selbst, der im Traum agiert, lernt, Sinn sucht - und meist auch findet.

"Träume führen zu klassischen
Aha – Erlebnissen"

Es geht in einem existentiellen Sinne darum, das in seinen Träumen Erlebte mit seinen sonstigen Erfahrungen zu verbinden. Wenn man so möchte, handelt es sich um eine Art sokratischen Dialog zwischen Traum-Ich und Wach-Ich - aus wohlverstandener Sorge für das Selbst und die Seele.

            Anhang 1*)

"Traumförderung"
Wie Sie sich wieder an Ihre
Träume erinnern
D
ie Traumforschung zeigt, dass jeder Mensch nachts
etwa ein bis zwei Stunden träumt
vollkommen unabhängig davon,
ob er sich daran erinnert oder nicht.
Die Traumerinnerungen sind sehr unterschiedlich,
so wissen Frauen in aller Regel etwas mehr von ihren nächtlichen Träumen als Männer.

Wie gut man sich an seine Träume erinnert,
wird beispielsweise auch von Persönlichkeitsfaktoren wie Kreativität, Gedächtnisfähigkeit, Schlafdauer - je länger, desto mehr Träume -,
schlechtem Schlaf (häufigem Erwachen), Stress und anderen Grössen beeinflusst.

Insgesamt ist deren Einfluss aber relativ gering,
denn die praktische Erfahrung zeigt,
dass alle Menschen, die an ihren Träumen ein grosses Interesse haben, ihre Traumerinnerung innerhalb kurzer Zeit drastisch verbessern können.
Die wichtigsten Tips, wie Sie sich an Ihre Träume erinnern:

· Legen Sie sich vor dem Zubettgehen Papier und Schreibzeug oder Diktiergerät zurecht.
· Nehmen Sie sich abends fest vor, Ihre Träume morgens aufzuschreiben.
· Erinnern Sie sich nachts
/
morgens zurück und wiederholen Sie im Gedächtnis Einzelheiten.
· Schreiben Sie sich den Traum gleich nach dem Aufwachen auf, notieren Sie zumindest Stichworte.
· Führen Sie regelmässig ein Traumtagebuch.


                Anhang2*)

...sich gesund und glücklich
träumen?

D
ie Traumforschung hat auf der Grundlage von Erfahrungen, verschiedener Methoden der therapeutischen Traumbearbeitung, das folgende 6-Schritte-Modell einer integrativen "Personorientierten Traumarbeit" entwickelt, das sich ideal für das selbständige Arbeiten eignet.

In den Schritten der "Traumarbeit" soll man sich im wesentlichen von den konkreten Traumbildern lösen, um anhand der jeweiligen Gefühlen, Stimmungen und Handlungen im Traum einen Bezug zum Wachleben herzustellen. Man sollte sich dabei bewusst machen, dass im Traumgeschehen vor allem Gefühle überzeichnet dargestellt werden, um dem Träumenden den Kern einer Sache deutlich zu machen. Es geht auch nicht darum, die vermeintlich "richtige Deutung" zu finden, sondern aus dem Traumgeschehen zu lernen. Das heisst, dass die verschiedenen Theorien oder Symboldeutungen nur als Hinweise verstanden werden dürfen, wo man im Wachleben nach Gemeinsamkeiten mit dem Traumgeschehen suchen könnte. Das ausschlaggebende Kriterium ist immer die Weiterentwicklung im Wachleben - hin zu "freier Entfaltung der Persönlichkeit und Verbesserung der Lebensqualität". Daher sind reine Symboldeutungen von Trauminhalten oder Traumlexika mit einschlägigen Symbollisten wenig hilfreich, da sie dem persönlichen Umfeld niemals gerecht werden. Wie die Erfahrung lehrt, beantwortet sich die Frage nach dem "Warum" und der "eigentlichen" Bedeutung der Träume am Ende der Traumarbeit ohnehin wie von selbst.

Die sechs Schritte:

Œ Vergegenwärtigen Sie sich den Traum

· Lesen Sie den Traum
· Ergänzen Sie Details
· Notieren Sie spontane Einfälle

 Schlüsseln Sie die Trauminhalte auf

· Sammeln Sie - ohne Deutungsabsicht - Informationen zu Traum-Ich, Traumpersonen, -gegenständen, Traumorten etc.

Ž Untersuchen Sie die Handlungen im Traum

· Was ist zentral?
· Liegen Übertreibungen vor?
· Welche Gegensätze treten auf?
· Was wiederholt sich?
· Gibt es Konflikte?
· Gibt es Helfer?
· Gibt es ein Ziel?
· Was kommt im Traum vor, was nicht?
· Wird im Traum eine Stärke oder Schwäche aufgegriffen, die ich von mir aus dem Wachleben kenne?

 Vergleichen Sie Traum und Wacherleben

· Was beschäftigt Sie momentan besonders (Gesundheit, Beziehung, Prüfung, Familie etc.)?
· Welche Parallelen finden sich dazu in der Bildersprache des Traumes?

 Suchen Sie nach Lösungsansätzen im Traum

· Begeben Sie sich in die Stimmung des Traums
· Setzen Sie den Traum schreibend fort

Setzen Sie die Lösungsansätze um

· Fassen Sie die Traumarbeit zusammen
· Probieren Sie neue Verhaltensmuster aus
· Prüfen Sie an der Realität, ob sich die Veränderung positiv ausgewirkt hat.

Die Traumerfahrungen weisen darauf hin, dass es hilfreich sein kann, wenn man den Traumbericht mit einem Theaterstück oder einem Film vergleicht und ihm einen entsprechenden Titel verleiht. Um die Traumarbeit zu vertiefen, soll man sich vor allem fragen, an welche "Botschaft" der Autor oder Regisseur gedacht haben mag und wie ein unvollendeter Traum zu einem positiven Ende fortgesetzt werden kann.


            Anhang3*)

Hirnforschung und Traumstörungen:

Traumlos im Schlaf?

Die revolutionären Befunde der Neurophysiologie

Der neurologisch orientierten Traumforschung der letzten zwanzig Jahre
galt der Traum als eine Art biochemischer Schaum:
Träume werden durch spontane Hirnaktivierungen während des REM-Schlafes ausgelöst,
die das Gehirn von den Spuren der Tagesaktivitäten reinigen.
Dabei entstehen vollkommen zufällige, bizarre Bilder,
die erst nachträglich vom Grosshirn als irgendwie sinnvoll interpretiert werden.
Eine psychologische oder sonstwie "tiefere" Bedeutung wird dem Träumen bewusst abgesprochen.
Das "Hausputzmodell" als Traumerklärung wurde nun mit der bahnbrechenden Forschung des britischen Neurophysiologen Mark Solms als fauler Zauber enttarnt:

So gibt es kein einzelnes physiologisches Traumzentrum und Träumen ist nicht auf den REM-Schlaf beschränkt.
Im Gegenteil: Menschen träumen selbst dann noch,
wenn es wegen Funktionsausfällen im Hirnstamm keinerlei REM-Schlafphasen mehr gibt.
Die Frage, ob Menschen auch ohne REM-Schlaf träumen,
wurde in der Forschung vorher nicht gestellt
- zu selbstverständlich war die Gleichsetzung REM=Traumschlaf.
Eine Analyse der von Traumstörungen betroffenen Prozesse zeigt,
welche komplexen psychologischen Funktionen der Traum erfüllt:

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