© "life Institut Bern, 02.03.04

life Institut
Unsere innere Berufung !

Berufung - das erscheint als ein antiquierter Begriff, den wir aus der Bibel kennen. Heute sind doch höchstens noch Künstler berufen. Falsch, sagt uns eine "innere Stimme": Jeder Mensch ist zu etwas berufen. Wer nicht erkennt, was "sein Ding" ist, wer sich seiner Berufung verweigert, zahlt dafür einen hohen Preis.

Die Entzauberung des Menschen durch die Wissenschaften schreitet rasch voran. Das Genom-Projekt, die Technik des Klonens und die Fortschritte der Reproduktionsmedizin ermöglichen in naher Zukunft menschliche Massanfertigungen. Krankheiten und Charakterfehler werden im Vorfeld ausgeschaltet. Sollten später trotzdem noch psychische Probleme auftreten, lassen die sich durch hochwirksame Psychopharmaka wegbügeln.

Diese Schöne Neue Welt weckt mehr Ängste als Hoffnungen. Ist Persönlichkeit in Zukunft eine Frage des Konstruktionsplans? Was geschieht mit der Individualität des einzelnen? Wie eine unbewusste Auflehnung gegen den wissenschaftlichen Machbarkeitswahn wirkt es da, wenn sich Millionen intensiv mit Biographien beschäftigen: Heute sind Filme und Bücher dann besonders erfolgreich, wenn sie individuelle Schicksale nacherzählen. Und nicht nur in der Psychotherapie, selbst in den seichtesten Talkshows geht es darum, Lebensgeschichten zu rekonstruieren. Wir möchten uns vom Geheimnis eines Menschen und der Besonderheit seines Charakters faszinieren lassen. Vor allem, weil wir uns auch selbst als einzigartiges Wesen begreifen wollen: Wer bin ich wirklich - und was ist mein Schicksal? Was kann ich aus meinen Begabungen und Talenten machen? Was ist "mein Ding" - und warum tue ich es (noch) nicht?

"Etwas drängt uns in
eine bestimmte Richtung"

Niemand wird als Durchschnittstyp geboren, jeder hat das Potential, etwas Besonderes zu sein. Wir leben, um Begabungen zu entfalten, einen persönlichen Plan zu erfüllen und um eine Spur unserer Erdentage zu hinterlassen - davon ist der C.G.-Jung-Schüler (und spätere Jung-Dissident) James Hillman überzeugt. Als Wortführer einer Denkschule, die man als "Schicksalspsychologie" bezeichnen könnte, fordert er uns auf, unsere Einzigartigkeit wiederzuentdecken. In jedem von uns, so lautet das Credo dieser Psychologie, ist von Geburt an ein unverwechselbarer Charakter angelegt: eine individuelle Mischung von Eigenschaften, Talenten und Begabungen. Um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, müssen wir diesen Charakter als unser Schicksal respektieren. Er teilt uns auf vielerlei Art mit, was er mit uns vorhat. Aber unsere Lebensweise drängt uns vom Kurs: Wir vernachlässigen unsere besondere Begabungen und opfern unsere Träume faulen Kompromissen. Wir schöpfen unsere Potentiale nicht aus und gehen meist den bequemeren Weg. Schliesslich verlieren wir unsere Berufung ganz aus den Augen, mit der Folge, dass wir nicht die sind, die wir "eigentlich" sein wollen und können. Wir werden uns selbst fremd.

Der Gedanke, Charakter und Persönlichkeit zu entschlüsseln, um Identität und Lebensziele definieren zu können, ist natürlich nicht neu. Es war von jeher das Ziel der Psychologie herauszufinden, wie und warum ein Mensch zu dem wird, was er ist. Allerdings hat sie dabei vorwiegend mit Ursache-Wirkungs-Modellen gearbeitet, was den Blick auf das, was das Wesen des Menschen ausmacht, sehr verengte. Weil fast alle psychologischen Schulen das früh Erlebte (und vor allem: das früh Erlittene) für unsere weitere Entwicklung verantwortlich

machten, stehen Komplexe, Symptome und Traumata im Vordergrund der Betrachtung. Und so hat die Psychologie massgeblich dazu beigetragen, dass sich immer mehr Menschen als Opfer begreifen. Kaum noch ein Lebensbereich, der nicht zur Problemzone erklärt, kaum eine Verhaltensweise, die nicht klinifiziert wurde. Die Zahl der Störungen und Symptome ist explodiert. Das Leben ist heute vor allem eine Fallgeschichte, deren trauriger Held ein tendenziell traumatisiertes oder milieugeschädigtes Wesen ist. Es muss sein "inneres Kind" erlösen, seine Komplexe aufarbeiten und lebenslang an den erlittenen Erziehungsfehlern und anderen Verletzungen laborieren.

Wir stellten nun die traditionelle psychologische Betrachtungsweise von Entwicklung und Wachstum auf den Kopf: Die Aufgabe des Menschen ist nicht "heraufzuwachsen", sondern "herunterzuwachsen". Er muss herausfinden, wer er bereits ist, nicht was er wird. (Picasso sagte: "Ich entwickle mich nicht - ich bin!") Nur wer sein Fundament, seinen Grund gefunden hat, kann seine Persönlichkeit entfalten. Die eigentliche Menschwerdung gelingt erst dann, wenn wir in Übereinstimmung mit unserer Bestimmung leben und dem Ruf unseres Schicksals, "der Berufung" folgen.

Dieses Schicksal haben wir uns als eine Idee vorzustellen, als Lebensprogramm in nuce, das uns von Anfang an mitgegeben ist. Wir kommen mit einem fertigen Plan auf die Welt. Der Plan determiniert jedoch nicht unser Leben - er ist vor allem eine Möglichkeit, die Möglichkeit. Damit wir den Plan einhalten können, ist uns eine innere Stimme zugesellt.

Jeder Mensch betritt die Erde mit einem unsichtbaren Doppelgänger, der ihn zeitlebens begleitet und zu seiner Bestimmung und Entfaltung leiten will. Die innere Stimme hilft uns und beschützt uns vor zahllosen Gefahren - sie ist der "gute Geist", der uns einen schlimmen Sturz heil überleben lässt, sie ist der "Zufall", der uns etwas längst Vergessenes wiederfinden lässt, sie ist die "Eingebung", die uns vor einem grossen Fehler bewahrt. Die innere Stimme ist ein Begriff für ein ganzes Bündel psychischer Fähigkeiten, die von anderen Psychologen als "sechster Sinn" oder Intuition, als Instinkt oder unterschwellige Wahrnehmung, beschrieben wurden: mentale Kapazitäten, die oft rätselhaft und unerklärlich erscheinen, weil wir sie bisher wenig erforscht haben und nur selten nutzen.

Die innere Stimme erhält heute nur noch selten eine Chance, auf uns einzuwirken. Die meisten Menschen ignorieren ihren Ruf oder haben verlernt, ihre Botschaften zu entziffern. "Berufung" erscheint den meisten als antiquiertes Konzept, das man aus der Bibel kennt oder höchstens aussergewöhnlichen Künstlern zubilligt. Dennoch ist die Präsenz der inneren Stimme erkennbar, selbst für Skeptiker. Gerade wenn wir gegen unsere Berufung leben, spüren wir immer wieder, wie "Etwas" versucht, uns in eine bestimmte Richtung zu drängen. Eine innere Stimme sagt uns: Das musst du tun! Das ist deine Berufung! Das ist deine Rolle im Leben!

Selbst wenn wir bereit sind, auf die ineere Stimme zu hören - wie teilt sie sich mit? Wie können wir die Signale unserer Seele herausfiltern aus dem Rauschen von Hunderten und Tausenden Stimmen, die ständig von aussen auf uns einreden? In der Flut von Informationen und Zeichen, die täglich über uns hinwegrollt, ist es schwierig geworden, die "Vorladungen des Schicksals" zu entziffern. Schwierig, aber nicht unmöglich:

• Die ursprüngliche Kraft des angeborenen Charakters zeigt sich beispielsweise, wenn ein Kind scheinbar aus dem Nichts heraus etwas kann, etwas tut, einen ausgeprägten Willen zeigt, ohne dass wir die üblichen psychologischen Gründe dafür finden können. In vielen Fällen halten wir das erste Aufscheinen des Charakters für eine kindliche Marotte oder eine Verhaltensauffälligkeit. Trotz, Obsessionen, Widerspenstigkeit, Schüchternheit, Exzentrik, generell alle Formen von Unangepasstheit sind aber keineswegs als Störungen oder Symptome anzusehen, sondern Ausdruck der inneren Stimme. Der einzigartige Charakter eines Menschen versucht sich Bahn zu brechen, und unvermittelt wird eine Berufung sichtbar: Yehudi Menuhin wünschte sich als Vierjähriger eine Geige. Als man ihm eine Kindergeige aus Blech schenkte, zertrümmerte er sie wütend und ruhte nicht eher, bis er eine richtige bekam.

• Ein weiteres Indiz für die Gegenwart der unerhörten inneren Stimme ist die "archetypische Einsamkeit": das plötzliche und unerklärliche Gefühl des Ausgeschlossen- oder Exiliertseins, das uns selbst in geselligen und glücklichen Momenten überfällt.

Wir sind scheinbar ohne Grund melancholisch und spüren eine namenlose Sehnsucht oder innere Leere. Schon Kinder empfinden mitunter diese existentielle Einsamkeit. Sie fühlen sich für Momente fremd und isoliert, selbst wenn sie geborgen und eingebunden in Familie und Freundschaften aufwachsen.

Auch im späteren Leben tauchen Phasen dieser seltsamen Entpersonalisierung auf - in Augenblicken, in denen wir für eine Zeitlang aus der Welt herausgefallen zu sein scheinen. Meistens beunruhigt uns dieser Zustand. Anstatt ihn zu entschlüsseln, versuchen wir, ihm zu entkommen. Wir erklären ihn, wenn er uns hartnäckig zu schaffen macht, mit soziologischen oder psychologischen Theorien wie Entfremdung, falschem Lebensstil, unverarbeiteten Kindheitstraumata et cetera.

Einsamkeit ist aus der Sicht der Schicksalspsychologie ein Symptom dafür, dass die Seele noch keine Wurzeln geschlagen hat und wir unserer Berufung nicht folgen.

Es gibt eine Vielzahl von Zeichen, die uns auf die Bahn der Berufung lenken wollen:

• Was will uns ein immer wiederkehrender Traum sagen?

• Was ist die Botschaft körperlicher Symptome mit offensichtlich metaphorischem Charakter: Etwas sitzt uns im Nacken, geht uns an die Nieren?

• Anhaltende Konflikte, Reibungen und Krisen, die immer nach demselben Muster ablaufen, sind Hinweise darauf, dass wir festgefahren sind und etwas Wesentliches nicht stimmt. Sie verlangen eine Entscheidung, etwa in Beruf oder Partnerschaft: Bleiben oder gehen?

• Gefühle der Stagnation und der inneren Leere quälen uns: Bedeutet die Langeweile, dass ich endlich etwas Neues versuchen, den Wechsel riskieren soll? Oder muss ich nur die äusseren Bedingungen verändern?

• Wir müssen auf ein Ultimatum reagieren, oder jemand nimmt uns anscheinend eine Entscheidung ab: Bedeutet eine Absage, dass der Job doch nichts für mich war - oder soll ich jetzt erst recht darum kämpfen?

• Warum geht uns ein alberner Schlagertext, eine Redensart oder eine Zeile aus einem Gedicht nicht aus dem Kopf?

• Wir hören eine Unterhaltung am Nebentisch mit an - und das Gefühl stellt sich ein: Die reden von mir! Das ist doch mein Problem!

• Taucht häufig das Gefühl auf, sich selbst oder anderen etwas beweisen zu müssen? Ertappen wir uns häufig bei Phantasien, in denen wir es den anderen mal so richtig zeigen?

• Manche Zufälle sind keine: Wir greifen "wahllos" nach einem Buch - und finden dort eine Antwort, nach der wir lange gesucht haben. Oder wir denken an einen alten Freund, den wir Jahre nicht gesehen haben, und in derselben Minute ruft er uns an. C.G. Jung hat das nichtkausale, quasi magische Zusammentreffen von zwei Ereignissen als "Synchronizitäten" beschrieben. Synchronizitäten ereignen sich ständig - wir nehmen sie in den meisten Fällen nicht wahr. Wenn wir meditativ oder kontemplativ gestimmt sind, erkennen wir diese "Zufälle" jedoch leichter.

 

Um solche Orakel und Omen des Alltags entschlüsseln zu können, sind Selbstbeobachtung und Reflexion nötig. Es kommt zunächst darauf an, der inneren Stimme Gehör zu verschaffen, indem wir für innere und äussere Ruhe sorgen und auf "Empfang" schalten. Dabei kann es helfen, sich zurückzuziehen und alle Ablenkungen auszublenden - etwa durch ein Medienfasten, aber auch durch Enthaltsamkeit bei der eigenen Kommunikations- und Mitteilungsbereitschaft. Mit Hilfe von "aktiver Geduld" können wir die nötige Achtsamkeit und Konzentration aufbringen, um die innere Evolution des Charakters zu beobachten und auf die oft leisen Stimmen von Intuitionen zu hören. Eine "poetische Haltung" erleichtert das Lesen der Zeichen, die uns die innere Stimme geben will - eine gesteigerte Sensibilität für Bilder, Metaphern und Symbole.

Überhaupt funktioniert eine künstlerische Betätigung wie ein seelisches Radar, sie macht uns sensibler für die Signale, die aus dem Unbewussten kommen. Im Malen oder Zeichnen gewinnt vieles von dem Gestalt, was aus Träumen und Gefühlen aufsteigt; beim Schreiben und Erzählen entwickeln sich Geschichten mit oft überraschenden Zusammenhängen und Einsichten; Tanz und Theaterspielen sind Möglichkeiten, um die Sprache des Körpers zu entschlüsseln. Das Argument, dass man dazu eine künstlerische Begabung brauche, kann nicht gelten: Jeder Mensch kann sich in irgendeiner Form künstlerisch ausdrücken. Als Kinder haben wir alle gerne gemalt, getanzt, Theater gespielt. Später haben wir den Kontakt zu unseren Begabungen verloren und unsere Talente verkommen lassen. Die Sinne wurden abgestumpft und durch die Konfektionskultur verdorben. Wie vieles andere haben wir auch die Kreativität an die "zuständigen" Experten, an die Künstler delegiert.

Der Vorteil von Erkenntnisprozessen, die durch expressive und künstlerische Zugänge zu unseren Träumen, Wünschen und Begabungen in Gang gesetzt werden, ist, dass wir sie selbst finden. C.G. Jung schrieb, dass Menschen nur sehr selten in ihr System von Überzeugungen integrieren, was ihnen andere sagen, selbst wenn sie teuer dafür bezahlen (wie etwa in einer Therapie). Bleibenden Eindruck hinterlässt dagegen das, was wir selbst herausgefunden oder als Botschaft von unserem Unbewussten erhalten haben.

Woran lässt sich erkennen, ob wir eine innere Berufung richtig erkennen - oder ob wir nur momentanen Impulsen oder einem Wunschdenken folgen? Ein wichtigstes Kriterium, an dem wir ablesen können, ob wir einen Ruf richtig verstanden haben, ist das plötzliche Gefühl von Lebendigkeit. Wer "seinen" Weg erkennt, wird von einem Schub von Vitalität und Energie beflügelt. Der Unterschied in der Intensität ist entscheidend, ob wir "ergriffen und gepackt" werden: Das Ganze steht auf dem Spiel. Eine Berufung zielt nicht auf Details und Nebenaspekte des Lebens, sondern auf den gesamten Lebensentwurf. Die Leidenschaften und Begabungen eines Menschen sind aufgerufen, er muss seine "Mission" erkennen.

Was sagt uns die innere Stimme? Sie kann uns zu sehr konkreten Zielen drängen: Man kann sich berufen fühlen, eine künstlerische, wissenschaftliche oder handwerkliche Begabung auszuleben, für andere Leute zu sorgen oder sie zum Lachen zu bringen oder eine Familie zu gründen. Der Ruf kann uns befehlen, in einer bestimmten Gegend zu leben oder eine bestimmte Lebensart zu pflegen. Er unterscheidet nicht zwischen banal und hochfliegend und kann uns zu einem Ehrenamt oder einem Hobby ziehen.

Manchmal sind wir auch zur Verwirklichung von eher abstrakten Werten und Idealen ("Meta-Leidenschaften") berufen: Unser "Ding" ist Freiheit, Sicherheit, Zugehörigkeit, Macht. Gelegentlich wird das Gefühl, eine Mission zu haben, so aufgebläht, dass sie in übersteigertem Sendungsbewusstsein oder gar Grössenwahn endet. Die Selbsterforschung nach einer Berufung sollte deshalb nie die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur ironischen Selbstdistanz ausser Kraft setzen.

Die hohen Kosten des
"ungelebten Lebens"

Die Aufforderungen, die unser Schicksal an uns richtet, kommen häufig sehr ungelegen. Zwar erkennen die meisten Menschen an irgendeinem Zeitpunkt des Lebens ihre Berufung. Jeder hängt seinen Träumen nach und bedauert, dass er (noch) nicht dazu gekommen ist, der zu sein, der er "eigentlich" ist. Es gibt ja auch so viele Gründe , der Botschaft der innerenStimme nicht zu folgen.

Das Nichtbeachten der Berufung kommt einer psychischen Selbstverstümmelung gleich. Bewusstes Zurückbleiben hinter den eigenen Möglichkeiten, falsche Bescheidenheit, faule Kompromisse und Rücksichtnahmen, das Zurückschrauben der eigenen Ansprüche an sich selbst, Pseudodummheit - all das sind Formen der Selbstverleugnung, die Abraham Maslow, der Begründer der Selbstverwirklichungspsychologie, in dem Begriff "Jonaskomplex" zusammenfasste. Der biblische Jonas weigerte sich, dem göttlichen Ruf Folge zu leisten und die Stadt Ninive zu missionieren. Er schützte mangelnde Begabung zum Prediger vor und begab sich statt dessen auf eine Schiffsreise. Das Schiff geriet in einen Sturm, und wieder verkroch sich Jonas vor der Herausforderung.

Schliesslich warfen ihn die Seeleute über Bord. Ein grosser Fisch verschlang ihn - und spuckte ihn drei Tage später wieder aus, am Ufer seines "Bestimmungsortes" Ninive. - Der Jonaskomplex entspricht unserem natürlichen Instinkt, auf Herausforderungen erst einmal vorsichtig zu reagieren. Wir sehen vor allem die Risiken und Anstrengungen, die ein Ruf mit sich bringt, und suchen Deckung. Dort verharren wir dann allzuoft.

Das Hinauswachsen über den Durchschnitt und die Mühen der Veränderung machen angst, das Verlassen vertrauter Rollen und Verhältnisse verlangt einen hohen Preis.

Deshalb flüchten wir oft in Ausweichmanöver und Selbstverleugnungsstrategien. Wir wollen Zeit gewinnen, um die Folgen eines Rufes zu bedenken, wir wollen die Angst vor dem "Ja" dämpfen und dem Schuldgefühl eines "Nein" entkommen:

• Die Interpretation der eigenen Lebensgeschichte ist häufig die grösste Ausrede, um sich einer Berufung zu verweigern. Wir schreiben unserer Biographie - meist zu Unrecht - eine Folgerichtigkeit zu, die alles so und nicht anders gefügt hat. Um Klarheit über unseren Charakter und unser weiteres Leben zu gewinnen, sollten wir als Revisionisten auf unser bisheriges Leben zurückschauen, immer bereit zu Korrekturen: Stimmen die Erinnerungen überhaupt - oder sind es nur Legenden? Wann wurden von wem die Weichen gestellt, was hat uns wirklich zu dem gemacht, was wir heute sind? Viele der mitgeschleppten Geschichten und Urteile stimmen möglicherweise nicht: Haben wir wirklich zwei linke Hände? Sind wir wirklich für Zahlen oder für Sprachen oder für Bewegung unbegabt? Haben wir Studienfächer und Beruf alleine gewählt? Sind wir wirklich der geborene Arzt oder die geborene Lehrerin? Oder sind das Zuschreibungen, die wir - manchmal wider besseres Empfinden - unseren Eltern und Lehrern geglaubt haben?

Wer solchen Fremdbestimmungen, Prägungen und Legenden auf die Spur kommt, kann Kurskorrekturen im Sinne der Berufung einleiten. Er muss sich beispielsweise fragen, ob es zu spät ist, um doch noch auf nicht gewählte Wege zu wechseln, ob es sinnvoll ist, vergessene oder verleugnete Begabungen wiederzubeleben. Manchmal hilft der Director's cut, die ungeschnittene und unzensierte Version des eigenen Lebensfilmes, die neue Richtung herauszufinden.

Allerdings macht vieles von dem, was nicht gelebt werden konnte, auch angst. Kurskorrekturen können erhebliche Turbulenzen nach sich ziehen. Sollen wir wirklich alles wieder aufwühlen? Lohnt es sich, auf den Ruf einer "inneren Stimme" hin sein Leben umzukrempeln? Rechtfertigt die vage Hoffnung auf mehr "Authentizität", dass man Gewohntes verändert, Bequemlichkeiten aufgibt und mühsam getroffene Kompromisse und Arrangements über den Haufen wirft?

• Das Hinauszögern, Aufschieben und Herumtrödeln, das Nicht-zu-Potte-Kommen und die Flucht in Scheinaktivitäten sind weitere typische Erscheinungsformen des Ausweichens. Selbst die Arbeit kann zu einer Zone der Nichtentscheidung werden - viele Workaholics verstecken sich vor ihrer eigentlichen Berufung hinter einer sozial respektierten Form des Kneifens.

• Ein Ruf kann auch zu Tode analysiert werden. Endlos lassen sich Pro und Contra abwägen, alle Konsequenzen müssen bedacht, weitere Informationen eingeholt werden.

• Die Botschaft hör' ich wohl - aber der "richtige Augenblick" muss abgewartet werden: Erst wenn die geeignete Konstellation von Zeit, Gelegenheit, Geld, Freiheit, Energie etc. gegeben ist, legen wir los und folgen dem Ruf.

• Vielleicht gibt es einen risikolosen Parallelweg: Wir folgen dem Ruf und gehen schon in die richtige Richtung, aber nicht mit letzter Konsequenz - wir werden vorsichtshalber Kunstkritiker statt Künstler, sind lieber Vereinsvorsitzender statt Politiker und so weiter.

• Subtile Formen der Selbstsabotage erscheinen als "Pech", das uns vor dem Ruf des Schicksals entschuldigt: den entscheidenden Test, das entscheidende Bewerbungsgespräch vermasseln; "vergessen", einen Antrag oder ein Aufnahmeformular abzuschicken...

• Lebenslügen sind häufig Rechtfertigungen dafür, dass jemand der Herausforderung seines Rufes ausweicht und seine Möglichkeiten verleugnet: "Ich habe einfach nicht das Talent, die Beziehungen, das Startkapital, die Chancen, ... die ich brauche, um ..."

• Eines der grössten Hindernisse für das Ausleben einer Berufung ist die Angst vor der Meinung anderer. Häufiger, als wir glauben, hindern uns falsch verstandene Rücksichtnahme, Angst vor Scham und schlichter Konformitätsdruck daran, das zu tun, was wir eigentlich für richtig halten. Was werden die anderen denken!

Wir wollen die Erwartungen anderer erfüllen, wir gestatten ihnen, ihre Macht - und Kontrollspielchen mit uns zu spielen, und ertragen ihre Zumutungen, weil wir verinnerlicht haben: "Bloss nicht auffallen! Nimm Rücksicht! Sei nicht unhöflich! Sei nicht egoistisch! Du kriegst keine Extrawurst! Du bist nichts Besonderes!"

Die nüchterne Analyse zeigt, dass wir einer meist kleinen Zahl von Menschen eine schier unglaubliche-Macht über uns eingeräumt haben. Sie kontrollieren und manipulieren uns oft auf eine Weise, die uns nicht mehr bewusst ist. Wir sind abhängig von ihrer Zustimmung oder Anerkennung und fürchten ihre Kritik oder ihre Ablehnung. Wir opfern ihnen schliesslich unsere Individualität und verharren im Status quo.

Der gesundheitliche Preis für das Nichtbeachten einer Berufung ist oft hoch. Der Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker schrieb schon 1950 über das "ungelebte Leben", dass "... die unmöglichen Pläne, die nie getanen Taten wirksamer sind als das, was geschehen ist". Besonders in Krankengeschichten, so meint er, wird Unausgelebtes oft zum Anlass für Schuldgefühle, für Gram oder Selbstvorwürfe, die sich in der Folge krankmachend auswirken.

Frustration, Depression, Langeweile und unterdrückte Wut, deren Herkunft oft "unverständlich" bleibt, sind typische psychische Symptome, die durch Selbstverleugnung entstehen. Das Erschöpfendste im Leben ist jedoch, auf Dauer gegen die innere Berufung zu leben und nicht das zu tun, was wir tun könnten.

Die American Medical Association stellte in einer kürzlich veröffentlichen Statistik fest, dass sich die meisten Herzinfarkte am Montagmorgen zwischen neun und zehn Uhr ereignen. Das ist genau der Zeitpunkt, an dem Millionen nach dem Wochenende wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich im Grunde selbst verleugnen müssen - an einen langweiligen, verhassten, über- oder unterfordernden Arbeitsplatz.

Körperliche Symptome können die Überbringer wichtiger Nachrichten sein, es sind "Soma-Zeichen", wie sie der Physiker David Bohm nennt: Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen, Magenbeschwerden und vieles andere sollten auch daraufhin überprüft werden, ob sie ein Protest der inneren Stimme gegen die nicht gelebten Potentiale sind.

Das eigene Schicksal als eine Möglichkeit zu erkennen und zu "lesen" ist ein reflexiver Akt. Eine Berufung, ein intuitives-inspiriertes Leben wird allerdings nicht nur durch die Talente und Begabungen eines Menschen definiert. Sein Charakter enthüllt sich nicht allein durch die beruflichen oder künstlerischen Fähigkeiten, die zur Entfaltung kommen. Wichtig ist auch das Wie, das erst den Charakter ausmacht und den unverwechselbaren Stil eines Menschen prägt. Charakter lässt sich so definieren: Du bist das, wie du es bist. Erfolg ist nicht unbedingt das Mass aller Dinge, wenn es um die biographische Bewältigung und Bewertung eines Lebens geht. Oft entdecke ich grosse Charakteren gerade bei den "kleinen Leuten", die in ihrem unspektakulären Alltag etwas scheinbar Banales mit Stil und Würde tun. Sie beweisen Mut, Festigkeit, Treue und viele andere Tugenden und folgen ihrem Ruf unbeirrt. Von Heraklit stammt der berühmte Satz: Charakter ist Schicksal.

Leben ist die fortwährende Arbeit am Charakter.

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